Hier ein lesenswerter Artikel aus der NZZ:
cf. Das Deutschschweizer Fernsehen überträgt die Halbfinals der Eishockey-Play-offs live, alternierend zwischen den Spielen Davos - Bern und ZSC - Zug. Nachdem am Samstag die Partie im Bündnerland den Anfang gemacht hat, ist heute Dienstagabend das vergleichsweise harmlose Z-Derby in der Zuger Herti-Halle dran. Einige im Leutschenbach dürften froh sein darüber, denn nach den Vorfällen in der Schlussphase des Samstagsspiels in Davos müssen sich die TV-Verantwortlichen Gedanken machen über ihr Live-Konzept. Hierfür haben sie nun immerhin bis Donnerstag Zeit, wenn Spiel 3 zwischen Bündnern und Bernern auf dem Programm steht.
Doch was war am Samstag in Davos geschehen? Nach 50 intensiven Minuten mit konzentriertem Defensivspiel und eher schwachen Stürmerleistungen glaubten einige Spieler, es wäre an der Zeit, Play-off-Charakter zu zeigen: Hinterhältige, feige Fouls, Faustkämpfe, Vulgärsprache und Wehleidigkeit sind offensichtlich die entsprechenden Merkmale. Die TV-Kameras fingen das Geschehen ein und übertrugen es zur besten Sendezeit ungefiltert in Wort und Bild in die Schweizer Stuben. Nach den Schlussminuten von Davos weiss nun jede Durchschnittsfamilie hierzulande, dass im Eishockey Fairplay und Respekt auf und neben dem Eis leere Worthülsen sind - wie anders ist es zu erklären, dass der Davoser Hagman dem am Boden liegenden Berner Steinegger mit dem Schlittschuh auf den Hinterkopf einschlug; und dank Mikrofonen im Bereich der Strafbänke ist nun auch die Frage geklärt, ob Nichtheterosexuelle in hiesigen Eisrinks erwünscht sind. Gemäss Reto von Arx, dem Davoser Heisssporn mit Bundesratssalär, sind sie es nicht.
So wie die Präsentatorenkollegen von Music Star (die vor einem Monat aus heiterem Himmel mit dem Fäkalien-Rundumschlag des deutschen Jurors Soost konfrontiert wurden) wurde auch die Sportcrew von den Geschehnissen überrumpelt. Mittels Studiogast aus der Eishockey-«Szene» wurde versucht, das Vorgefallene unter dem Stichwort «Spezialfall Play-off» abzuhaken. So fielen weitere Stichwörter wie «Emotionen» und «Trash Talk», die es erlaubten, schnell zur Tagesordnung überzugehen. Einen Gefallen machte dem Leutschenbach-Trio zudem der Davoser Spieler Gianola, der im Interview sagte, der Schiedsrichter habe seine Sache tipptopp gemacht und sei nicht verantwortlich für das Überschwappen der Emotionen. Bloss verwunderlich, dass derselbe Gianola Minuten später den Tessiner Kollegen sagte, der Unparteiische Kurmann habe eine klare Linie vermissen lassen und so das üble Ende der Partie heraufbeschwört.
Welcher Sender von Gianola das ehrliche Interview bekam, liess sich in Kommentaren anderer Beteiligter nachlesen. Der Berner Coach Alpo Suhonen warf Kurmann vor, total überfordert gewesen zu sein. Es ist anzunehmen, dass aus der Davoser Ecke dies ebenso unmissverständlich verlautet wäre - im Falle einer Niederlage. Dass sich die Trainer gegen aussen schützend vor ihre Spieler stellen, ist prinzipiell lobenswert und in einem Teamgefüge unabdingbar (auch wenn diese Loyalität im umgekehrten Fall längst nicht immer funktioniert). Dass sie aber den schwarzen Peter immer dem Schiedsrichter zuschieben, beweist auch, dass dem Urteilsvermögen der Männer an der Bande enge Grenzen gesetzt sind. So schlecht pfeifen, wie dies permanent behauptet wird, können nicht mal Regelunkundige.
Die Play-off-Schiedsrichter, Professionals auch sie, sind in brenzligen Situationen auf sich alleine gestellt. Wenn der Mob auf der Tribüne zu Stinkefinger, Petarden und Leuchtraketen greift, wenn die Spieler auf dem Eis Räson und Anstand verlieren, wenn die Teamverantwortlichen an der Bande verbal noch zusätzlich Öl ins Feuer giessen, wenn selbst VIP-Zuschauer ihr Bier Richtung Eis verschütten, ja dann rette sich wer kann - der Schiedsrichter aber muss schauen, dass die Show weitergeht. Er verfügt zwar im Moment über die grösste Macht - er kann jederzeit ein Spiel abbrechen -, ist sich aber dennoch bewusst, das kleinste Rädchen in der Play-off-Maschinerie zu sein. Wie gering der Support selbst im eigenen Lager ist, musste Kurman, der den Spiessrutenlauf der Halbwilden am Samstag immerhin erfolgreich über die Runden gebracht hatte, schon am Montag erfahren: Sein Vorgesetzter, der Schiedsrichterchef Stauffer, schickte ihn quasi in die Wüste (von Freiburg, wo am Dienstag Lausanne im Play-out antritt), und der Einzelrichter Steinmann, befugt aufgrund von Videobildern Sperren auszusprechen, drückte im Fall Reto von Arx beide Augen und Ohren zu - um die gereizte Stimmung in der Serie «nicht noch mehr aufzuheizen». The show must go on - am Dienstag im Berner Kolosseum.
Doch wer stoppt die verhängnisvolle Spirale? Die Involvierten aus Klubs und Verband scheinen nicht dazu gewillt zu sein. Das hohe Lied auf die Play-off-Kultur und die vollen Stadien sind die einzigen Töne, die sie von sich geben (apropos Play-off-Kultur: In den Viertelfinals schalteten die Sieger die Verlierer mit der Summe von 16:2 Erfolgen aus - eigentlich eine Art Bankrotterklärung an die Mär vom hart umkämpften Play-off). Die Zuschauer zeigen ebenfalls keine Neigung, sich vom Dargebotenen zu distanzieren - sie werden nach aussen mittlerweile einseitig durch Hardcorefans repräsentiert, die jederzeit imstand sind, eine Eisfläche innert Sekunden mit Wurfgegenständen zuzudecken (und so ihrem Klub eine Verschnaufpause zu ermöglichen); auch Sympathiekundgebungen zu Amokläufern (SCB- Anhang in Zug) oder Hetzkampagnen gegen Schiedsrichter, die sich in den Medien über den Sittenzerfall auf den Tribünen beschweren, gehören zu ihren Machtinstrumenten. Unter diesen Umständen werden Rücktritte von Profi-Schiedsrichtern wie Reto Bertolotti im besten Alter (43) mehr als nachvollziehbar; unter noch dramatischeren Umständen hat am Wochenende der schwedische Fussballschiedsrichter Anders Frisk seine Pfeife abgelegt - er und seine Familie erhielten massive Morddrohungen von Chelsea- Fans. Fussballschiedsrichter werden von der Fifa und von der Uefa im Stich gelassen, die zwar Lippenbekenntnisse abgeben, seit Jahren aber tatenlos zusehen, wie Schwalbenspezialisten und andere Schauspieler die Referees immer und überall zu täuschen versuchen.
Zurück zum Fernsehen. In den USA, dem Mutterland der Play-off-Formel, hätten die Verantwortlichen längst Konsequenzen gezogen. Unmittelbare Live-Übertragungen von Spielen wie Bern - Davos würde es nicht mehr geben, es sei denn die Liga-Verantwortlichen würden ihrer Verantwortung, dem breiten Publikum ansprechenden Sport zu bieten, vollumfänglich nachkommen. Eine Figur wie Reto von Arx hätte in Übersee (wo er bereits einmal gescheitert ist) einen überaus schweren Stand. Man darf gespannt sein, wie das Schweizer Fernsehen das Problem löst. Zeit bleibt wie gesagt bis Donnerstag - falls das Z-Derby nicht auch noch ausser Kontrolle gerät.
Bericht NZZ "Schuld ist immer der Referee"
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